Mann prüft elektrische Verbindungen

Mittelspannung – Gefahren erkennen und sicher handeln

Ein Leitfaden für Elektrofachkräfte

Einleitung: Was bedeutet Mittelspannung und warum ist Mittelspannung so gefährlich?

Mittelspannung ist ein umgangssprachlicher Begriff, der ein Teil der Hochspannung umfasst. (> 1 kV bis 52 kV, teilweise bis 60 kV).

Mittelspannungsanlagen sind ein zentraler Bestandteil der elektrischen Energieversorgung und finden Anwendung in der Industrie, in der Energieverteilung sowie in zahlreichen weiteren technischen Bereichen. Der Umgang mit Mittelspannung ist jedoch mit erheblichen Risiken verbunden – insbesondere für Elektrofachkräfte, die regelmäßig an solchen Anlagen arbeiten.
Elektrische Spannungen können bei unsachgemäßem Umgang zu schweren Unfällen führen. Diese reichen von lebensgefährlichen Stromschlägen bis hin zu folgenschweren Lichtbogenunfällen. Umso wichtiger ist es, dass Elektrofachkräfte die spezifischen Gefahren kennen und die geltenden Sicherheitsvorschriften konsequent einhalten.

Gem. DGUV Information 2003-001 und -002 sind spezielle Schutzabstände und persönliche Schutzausrüstungen für unterschiedliche elektrische Anlagen vorgeschrieben.


Physikalische Grundlagen der Mittelspannung

Als Mittelspannung werden elektrische Spannungen meistens im Bereich von 1 kV bis 52 kV bezeichnet. Im Vergleich zur Niederspannung (bis 1 kV) besteht bei Mittelspannung ein deutlich erhöhtes Gefährdungspotenzial, da sowohl die Energiedichte als auch die Wahrscheinlichkeit und Intensität von Lichtbögen erheblich größer sind.

Bereits Stromstärken ab etwa 50 mA können – abhängig von Einwirkdauer, Stromweg und Umgebungsbedingungen – für den menschlichen Körper lebensgefährlich sein. Bei Mittelspannung sind die Auswirkungen eines Stromunfalls aufgrund der hohen Energieeinwirkung besonders gravierend. Eine weitere wesentliche Gefahrenquelle stellen Lichtbögen dar, die Temperaturen von mehreren Tausend Grad Celsius erreichen können. Diese führen nicht nur zu schweren Verbrennungen, sondern auch zu Sekundärverletzungen, etwa durch Druckwellen oder umherfliegende Anlagenteile.


Typische Gefahren beim Umgang mit Mittelspannung

Die Arbeit an Mittelspannungsanlagen ist mit einer Vielzahl potenzieller Gefahren verbunden, die Elektrofachkräfte kennen und beherrschen müssen:

Elektrische Schläge
Der direkte oder indirekte Kontakt mit spannungsführenden Teilen kann zu schweren Verletzungen oder zum Tod führen.

Lichtbögen
Lichtbögen entstehen, wenn elektrischer Strom durch die Luft zwischen leitfähigen Teilen fließt. Ursachen sind unter anderem unsachgemäße Handhabung, Verschmutzungen, beschädigte Isolierungen oder unzureichende Sicherheitsabstände.

Mann prüft MittelspannungMann prüft Mittelspannung

Kurzschlüsse und Überspannungen
Fehlerhafte Schaltungen, Materialermüdung oder defekte Komponenten können Kurzschlüsse verursachen, bei denen schlagartig große Energiemengen freigesetzt werden.

Brand- und Explosionsgefahr
Überlastungen oder technische Defekte in Mittelspannungsanlagen können Brände oder Explosionen auslösen.

Sekundärgefahren
Neben den unmittelbaren elektrischen Gefährdungen können auch indirekte Gefahren auftreten, beispielsweise Stürze durch Schreckreaktionen oder Verletzungen infolge von Druckwellen und umherfliegenden Teilen bei Lichtbogenereignissen.


Rechtliche Grundlagen und Normen

Der sichere Umgang mit Mittelspannung ist in Deutschland umfassend geregelt. Elektrofachkräfte müssen mit den relevanten gesetzlichen Vorgaben, Normen und Unfallverhütungsvorschriften vertraut sein. Zu den wichtigsten Regelwerken zählen:

  • DIN VDE 0105-100 – Betrieb von elektrischen Anlagen
  • DGUV Vorschrift 3 – Elektrische Anlagen und Betriebsmittel
  • DGUV Information 203-001
  • DGUV Information 203-002
  • Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) – Gesetzliche Grundlage für den betrieblichen Arbeitsschut

Darüber hinaus existieren weitere branchenspezifische Regelungen und Empfehlungen, die je nach Einsatzgebiet von Mittelspannungsanlagen zu berücksichtigen sind. Gesetzlich vorgeschriebene regelmäßige Schulungen und Unterweisungen stellen sicher, dass Elektrofachkräfte stets über den aktuellen Stand der Technik und der Sicherheitsvorschriften informiert sind.


Sicherheitsmaßnahmen beim Arbeiten mit Mittelspannung

Beim Arbeiten an Mittelspannungsanlagen hat der Schutz von Personen höchste Priorität. Der Anlagenverantwortliche trägt die Verantwortung für die Sicherheit und muss alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen. Es ist wichtig, die 5 Sicherheitsregeln zu beachten, die im bereits veröffentlichten Blogartikel „5 goldene Regeln“ ausführlich behandelt werden.

Hier sind die Sicherheitsmaßnahmen, die in Übereinstimmung mit den 5 Sicherheitsregeln zu beachten sind:

  1. Freischalten
    Vor Beginn der Arbeiten müssen alle relevanten Anlagenteile freigeschaltet werden. Der Anlagenverantwortliche ist dafür verantwortlich, dass diese Maßnahme ordnungsgemäß durchgeführt wird.
  2. Gegen Wiedereinschalten sichern
    Alle Trenn- und Betätigungsvorrichtungen müssen gegen unbefugtes Wiedereinschalten gesichert werden. Dies umfasst auch die Anbringung von Verbotsschildern.
  3. Spannungsfreiheit feststellen
    Die Spannungsfreiheit ist mit geeigneten Prüfgeräten, wie z. B. Spannungsprüfern nach DIN EN 61243-3 VDE 0682-401, zu überprüfen. Nur qualifiziertes Personal darf diese Prüfung durchführen.
  4. Erden und Kurzschließen
    Anlagenteile, an denen gearbeitet wird, müssen geerdet und kurzgeschlossen werden, um die Sicherheit aller Beschäftigten zu gewährleisten.
  5. Benachbarte, unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken
    Bei Arbeiten in der Nähe unter Spannung stehender Teile müssen diese entsprechend gesichert werden, um Berührungen zu vermeiden.

Wer hat die Verantwortung: Der Anlagenverantwortliche! Er ist dafür zuständig, dass alle Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden. Dies umfasst die Schulung der Mitarbeiter, die Bereitstellung der notwendigen persönlichen Schutzausrüstung (PSA) sowie die Durchführung von Gefährdungsbeurteilungen. Die Verantwortung erstreckt sich auch auf die regelmäßige Überprüfung der Sicherheitsvorkehrungen und die Dokumentation aller durchgeführten Maßnahmen.
Für detaillierte Informationen zu den 5 Sicherheitsregeln und weiteren Sicherheitsvorkehrungen verweisen wir auf den bereits veröffentlichten Blogartikel: „5 goldene Regeln“

Des Weiteren hat der Schutz von Menschen bei Arbeiten an Mittelspannungsanlagen oberste Priorität. Folgende Sicherheitsmaßnahmen sind zwingend einzuhalten:

Persönliche Schutzausrüstung (PSA)

  • Isolierende Handschuhe und Sicherheitsschuhe
  • Schutzhelme mit geeignetem Gesichtsschutz gegen Lichtbogenwirkungen
  • Flammhemmende und elektrisch isolierende Schutzkleidung


Einsatz geeigneter Werkzeuge

  • Werkzeuge müssen für Arbeiten an Mittelspannungsanlagen zugelassen sein und regelmäßig geprüft werden (z.B. DGUV Regel 103-011, -012) prüfen


Einhaltung von Sicherheitsabständen

  • Die vorgeschriebenen Mindestabstände zu spannungsführenden Teilen gemäß DIN VDE 0105-100 sind strikt einzuhalten. 

Gefahrenprävention durch regelmäßige Wartung und Prüfungen

Ein wesentlicher Bestandteil der Arbeitssicherheit ist die regelmäßige Wartung und Prüfung von Mittelspannungsanlagen:

Thermografie
Der Einsatz von Wärmebildkameras ermöglicht es, Überhitzungen und potenzielle Schwachstellen frühzeitig zu erkennen.

Isolationsprüfungen
Durch Isolationsmessungen lassen sich Schäden oder Alterungserscheinungen an Isoliermaterialien rechtzeitig feststellen.

Dokumentation
Alle Wartungs- und Prüfarbeiten sind sorgfältig zu dokumentieren, um die Nachvollziehbarkeit und Rechtssicherheit zu gewährleisten.


Verhalten im Notfall: Was tun bei einem Unfall?

Trotz umfassender Sicherheitsmaßnahmen können Unfälle nicht vollständig ausgeschlossen werden. In solchen Situationen ist schnelles und korrektes Handeln entscheidend:

Erste-Hilfe-Maßnahmen

  • Die Anlage muss freigeschaltet (ausgeschaltet und spannungsfrei) werden, z.B. vom Anlagenverantwortlichen. Erst danach dürfen weitere Maßnahme erfolgen!!!
  • Danach die weiteren Rettungsmaßnahmen einleiten


Verhalten bei Lichtbogenunfällen

  • Die Anlage muss freigeschaltet (ausgeschaltet und spannungsfrei) werden, z.B. vom Anlagenverantwortlichen. Erst danach dürfen weitere Maßnahme erfolgen!
  • Verletzte nur unter Eigenschutz aus dem Gefahrenbereich bringen.
  • Brandwunden steril abdecken und umgehend medizinische Hilfe veranlassen.


Notfallplanung

  • Jeder Betrieb sollte über einen klar definierten Notfallplan verfügen, der regelmäßig geschult und geübt wird.

Fazit: Sicherheit hat oberste Priorität

Arbeiten an Mittelspannungsanlagen erfordern ein hohes Maß an Fachwissen, Aufmerksamkeit und Verantwortungsbewusstsein. Elektrofachkräfte tragen nicht nur Verantwortung für ihre eigene Sicherheit, sondern auch für die ihrer Kolleginnen und Kollegen. Regelmäßige Schulungen, die konsequente Einhaltung von Vorschriften sowie der Einsatz geeigneter Schutzmaßnahmen sind unerlässlich, um Unfälle zu vermeiden.

Mittelspannung stellt hohe Anforderungen an die Fachkräfte und die eingesetzte Technik. Mit der richtigen Vorbereitung, klaren Arbeitsanweisungen und einem ausgeprägten Sicherheitsbewusstsein können Elektrofachkräfte ihre Aufgaben sicher und effizient erfüllen.


Quellen und Regelwerke

  • DIN VDE 0105-100: Betrieb von elektrischen Anlagen
  • DIN VDE 0101: Errichten von Starkstromanlagen mit Nennspannungen über 1 kV
  • DGUV Vorschrift 3: Elektrische Anlagen und Betriebsmittel
  • DGUV Information 203-001: Sicherheit bei Arbeiten an elektrischen Anlagen
  • DGUV Information 203-002: Elektrofachkräfte
  • DGUV Information 203-071: Thermografie in elektrischen Anlagen
  • DGUV Information 204-022: Erste Hilfe bei elektrischen Unfällen
  • Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG)

Hinweis:

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine betriebliche Gefährdungsbeurteilung oder verbindliche Arbeitsanweisungen.


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